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Gaspar Noés „Love 3D“ – Der Film, der über „50 Shades Of Grey“ nur lachen kann

„Love“ kann vielen Genres zugeordnet werden: Liebesfilm, Erotikstreifen oder sogar Softporno? Auch dieser kompromisslose Film des Ausnahmeregisseurs Gaspar Noé will Tabus brechen und schockieren. Er zeigt in einer Liebesgeschichte das, was passiert, wenn Paare in Hollywood-Filmen unter den Bettdecken verschwinden oder plötzlich die Kamera verdunkelt – echten Sex. 

love gaspar noe

Um mir Gaspar Noés neuen Film anzusehen, bin ich extra zu einem Filmfestival gereist, bei dem der Streifen in einem Kino lief, das hauptsächlich Independent-Filme zeigt, aber vor Jahrzehnten wohl auch mal ein Pornokino war (die roten Samtsitze sagen alles). Der Vorführer leitete den Film mit den Worten „Ich hoffe, ihr wisst, worauf ihr euch eingelassen habt!“ ein. Wie man an Reaktionen von manchen Zuschauern gesehen hat, wohl manche nicht, aber ich schon. Ich war auf den Film schon lange gespannt, da ich schon die Vorgängerfilme des Regisseurs als (verstörend) gut empfand und weil die Vorgeschichte des Films sehr interessant ist: Denn als die FSK den Film „Love“ prüfen sollte, ist er glatt beim ersten Prozess durchgefallen. Erst beim zweiten Durchlauf kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass bei dem Film doch keine schwere Jugendgefährdung festzustellen ist. Obwohl in Deutschland viele Filme zensiert und verboten werden, wäre es bei diesem ein großer Fehler gewesen.

Denn „Love“ kann als der ultimative Liebesfilm bezeichnet werden. Die Story handelt von dem Amerikaner Murphy, der zum Studieren nach Paris gezogen ist und dort die unberechenbare Elektra kennen lernt. Die Handlung steigt in der Gegenwart ein, in der die beiden nicht mehr zusammen sind, aber Murphy Elektra immer noch nachtrauert und versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. In Rückblenden wird die sexuell und emotional aufgeladene Beziehung der beiden erzählt, bis am Ende die Liebesgeschichte in der Gegenwart ihren Höhepunkt findet.
Auch wenn man die erste männliche Ejakulation schon in der ersten Szene sieht, ist „Love“ sicher kein Porno. Er ist vielmehr der erste Liebesfilm, der nicht schneiden will, nachdem sich ein Paar küsst oder unter der Bettdecke verschwindet. Er zeigt die Realität, was danach passiert – Sex und was dieser bedeutet. Denn Sex stellt auch eine Art Kommunikation dar, nur nicht mit Worten, sondern dem Körper. Er legt nahe, dass Liebe ebenso süchtig machen kann, wie eine Droge.

3D-Sperma in Richtung Zuschauer 

Aber wer schon andere Gaspar Noé-Filme wie „Irreversible“ oder „Enter The Void“ gesehen hat, weiß natürlich, dass der Regisseur mit seinen Werken auch Tabus brechen und das Publikum schocken will. Dafür benutzt er auch die technischen Möglichkeiten des 3D. So wird der Zuschauer einmal von Sperma überrascht, das in Richtung Kamera spritzt. Oder generell die Tatsache, dass der zweistündige Streifen zu 90 Prozent aus Sexszenen besteht. Aber wenn man den Film mit seinen oben genannten Vorgängern vergleicht, zeigt sich Noé in „Love“ eher harmlos. In vielen Szenen bringt er den Kinobesucher sogar zum Lachen. Als Murphy zum Beispiel seinem späteren Sohn den Namen „Gaspar“ gegeben hat oder Elektra den Namen ihres Exfreundes enthüllt – Noé.

Der Film ist deswegen eine Revolution, da er mit seiner Explizitheit andere Romanzen kritisiert, bei denen jede Liebesgeschichte ein Happy End haben muss oder auch Filme, die extrem wirken wollen, aber in Wirklichkeit nur prüde sind wie „50 Shades Of Grey“. Vor allem für Frauen ist der Film ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Denn normalerweise sieht man in Sexszenen nur weibliche Brüste nackt, aber von Männern sieht man keine intimen Stellen. Mit „Love“ hat sich das geändert, da es mir so vorkam, als ob man mehr männliche als weibliche Geschlechtsteile explizit sah (was auch an der starken Intimbehaarung der Frauen gelegen haben könnte).
Der Regisseur sagt selbst, dass er erwartet hätte, dass Frauen den Film weinend verlassen, während die Männer erregt sein werden. Aber nach seinen Erfahrungen war es immer genau andersherum. Damit hat Gaspar Noé in seinem neuesten Film wohl auch zum ersten Mal seine eigene vorurteilbehafteten Limitationen gebrochen.

 

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2 Kommentare zu Gaspar Noés „Love 3D“ – Der Film, der über „50 Shades Of Grey“ nur lachen kann

  1. SagtMirNix.net // Dezember 8, 2015 um 3:55 pm // Antwort

    Ich werd ihn mir zu 100% ansehen, Irreversible war schon der Hammer und Enter the Void hab ich sogar im Kino gesehen – inklusive einiger Leute, die den Saal vor Ende des Films verlassen haben 😀 Menschenfeind hab ich bisher aber leider noch nicht sehen können, soll aber auch sehr gut sein. Schön mal was über Filme abseits der Hollywood-Soße zu lesen 🙂

    Bin jedenfalls gespannt auf Love, Gaspar Noe ist definitiv einer meiner Lieblings-Regisseure.

    Gefällt 1 Person

  2. Danke! 🙂 Enter the Void ist auch einer meiner Lieblingsfilme! Menschenfeind habe ich gesehen und ich fand ihn gar nicht so krass wie alle sagen. Oder vielleicht hatte ich die zensierte Version erwischt 😉

    Gefällt mir

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