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Filmkritik zu „Winter’s Bone“: Einmal Redneck und zurück

Der Ort: Ozark Mountains, Missouri. Dort stellt Debra Granik in ihrem Film
„Winter´s Bone“ die Zelte auf, oder besser gesagt, die Holzhütten. Es fehlt nur noch ein Heuballen, der langsam über die Felder springt und das Bild wäre perfekt. Welcome to America.

Winters_Bone

Dort in diesen Holzhütten lebt eine kleine Gemeinde, in der jeder mit jedem verwandt zu sein scheint. Eine Gegend, wo der amerikanische Traum wohl nie existiert hat. Abgeschottet von der industrialisierten Außenwelt funktioniert diese Gemeinschaft durch ihre eigenen Regeln. Doch wie es bei eingespielten Systemen nun mal so ist, wird ein Störfaktor nicht gerne gesehen. In diesem Fall heißt der Störfaktor Ree Dolly.
Die siebzehnjährige Ree (Jennifer Lawrence) ist auf der existenziellen Suche nach ihrem Vater. Existenziell deswegen, da ihr und ihrer Familie gedroht wird, das Haus zu verlieren, wenn Rees drogenkrimineller Vater nicht zu seinem Gerichtstermin erscheint. Aus diesem Grund wird sie zur hartnäckigen Detektivin und fragt auf ihrer Reise durch die Mountains jede Person ihres Familienklans nach dem Aufenthaltsort ihres Vaters. Zu diesem Zeitpunkt des Betretens der Hasengrube war ihr jedoch noch nicht bewusst, dass sie damit in eine Welt voller Drogen und düsteren Geheimnissen eingetaucht ist.

Der Film selbst lebt nicht von komplizierten Handlungssträngen oder vielen Höhepunkten. Im Gegenteil. Der Handlung ist leicht zu folgen und man erlebt keine großen Überraschungen. Es ist die Filmästhetik mit ihrer farblosen Inszenierung, die eine Atmosphäre schafft, die einen in den Bann zieht. Die Landschaft mit ihren Wäldern und Bergen wird mit der Kamera immer in demselben Ton eingefangen. Die Kontraste im Film werden irgendwann so einheitlich, dass man fast vergisst, einen Farbfilm zu sehen. Man wird in eine Film Noir-Welt hineingezogen, die die amerikanische Einöde mit ihren beschränkten Mitteln perfekt einfängt. Fast schon im Kenji Mizoguchi-Stil wird nichts überzeichnet, sondern die Realität wird ungeschönt und authentisch dargestellt.
Genretechnisch lässt sich dieser Independent schwer einordnen. Ist es ein Familiendrama? Ein Krimi? Wahrscheinlich nicht. Es ist wohl eher eine Charakterstudie einer jungen Frau, die durch ihre familiäre Situation überfordert ist und einiges bewältigen muss, um ihren Platz in der Welt zu finden. Ähnlich wie bei dem Genre-Verwandten „Breakfast on Pluto“.

In beiden Filmen sind die Protagonisten auf der Suche nach einem Elternteil, mit dessen Finden sich scheinbar alle ihre Probleme lösen ließen. Sie müssen durch viele, ihnen fremde Orte gehen, um dem Ziel ein Stückchen näher zu kommen. Man denkt, dass sie sich während ihrer Reise Brotkrümel gelegt haben, um wieder zurückzufinden. Aber am Ende wird einem schließlich klar, dass es gar nicht darum geht, wieder zurückzukehren. Auf jeder Station ihres Weges haben sie sich ein bisschen weiterentwickelt und kommen auf der anderen Seite des Tunnels mit einem stärkeren Ich wieder heraus.

Jennifer Lawrence ist damit für die Rolle der Ree perfekt besetzt. Ihre Willensstärke und ihr Selbstbewusstsein sind von Anfang bis Ende des Films präsent. Auch wenn Cillian Murphy für seine ebenso herausragende Darstellung der Rolle des Kitten in „Breakfast on Pluto“ nicht mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt wurde, so kann man sich mit der Tatsache trösten, dass es mit der Nominierung für Jennifer Lawrence wieder gut gemacht wurde. Es ist erfrischend, hin und wieder einen Film zu sehen, der ohne großes Budget auskommt. Nun war es zwar nicht ein Kitten, sondern eine Dolly, die den Independentfilm auf der damaligen Oscar-Verleihung unter anderem in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ repräsentiert hatte, aber ohne Zweifel: zu recht! Man mag über Jennifer Lawrence und ihre manchmal zweifelhaften Rollen in Hollywood-Produktionen denken, was man will. Mit diesem Independent-Film hatte sie einen respektvollen Start in ihre Schauspielkarriere eingelegt.

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